Valentina: Warum ich nach Kabul zurückkehre

22/08/2010

By Boris Barschow

Vatelentina, die 27-jährige Afghanin aus Hanau kehrt in ihre Gebutsstadt Kabul zurück. Gestern haben wir uns getroffen und stundenlang über ihre Gedanken, Ziele und Wünsche für ihre Zukunft gesprochen. 1996 war die Pashtunin nach jahrelanger Flucht durch viele Länder mit ihrer Familie in Deutschland angekommen. Seitdem hat sie sich hier eine beachtliche Existenz aufgebaut. Sie und ihre Familie leben derzeit verstreut in der ganzen Welt.  “Seit 11 Jahren träume ich von Kabul und fühle wie mich meine Wurzeln in meine Heimat zurückziehen wollen,” sagt die gelernte Automobilökonomin. Seit zwei Monaten arbeitet sie für ein afghanisches Großunternehmen und pendelt derzeit zwischen Kabul und Frankfurt. “Und in wenigen Wochen wird es soweit sein, dann werde ich wieder ganz in Kabul leben, in dem Haus meiner Eltern, dort, wo ich mit sechs Jahren weg bin.” Ihr Herz bubbere, meint Valentina. Ob sie denn Angst habe? “Nein, dort, wo mich mein Herz hinführt, davor kann ich keine Angst haben.”

Valentina hat eigentlich nichts gegen die Veröffentlichungen ihrer Geschichte hier im Blog. Doch habe ich ihr davon abgeraten, ihre komplette Identität preiszugeben. Ist es doch so, dass viele Auslandsafghanen immer wieder Ziel von Anschlägen und Entführungen werden, wenn sie in ihre Heimat zurückkehren. Nicht zuletzt das versuchte Attentat auf die afghanische Journalistin aus Swisttal zeigt, auf welch dünnem Eis wir uns mit dieser Geschichte hier bewegen. Deshalb habe ich Valentinas Privatfoto unkenntlich gemacht. Und die Fotos, die wir gestern noch geschossen haben, wirken in der Tat geheimnisvoll – sie dienen aber nur ihrem eigenen Schutz. Valentin wird in Zukunft in unregelmäßigen Abständen von ihrer Rückkehr nach Kabul exklusiv für´s Afghanistan-Blog berichten.

  

  

Für dieses Foto trägt Valentina den Pakol, eine typisch afghanische Kopfbedeckung, die aus den pashtunischen Stammesgebieten aus Waziristan (heute Pakistan) stammt. Der Takol wurde auch durch den großen Mujaheddin-Kämpfer Ahmed Schah Massud bekannt. Der "Löwen vom Panjshir" wurde Ende 2001 offiziell zum Nationalhelden der afghanischen Nation ernannt und 2002 für den Friedensnobelpreis nominiert. Mehr darüber hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ahmad_Schah_Massoud

AFG-Blog : Valentina, warum gehst Du aus dem sicheren Deutschland wieder zurück nach Kabul? Wir lesen doch immer wieder über die täglichen Gefahren in Deiner Heimat…

Valentina: Diese Frage ist schwer zu beantworten. Es ist ein Gefühl, das Richtige zu tun. Seit 11 Jahren träume ich nachts fast täglich von Kabul: von meiner Kindheit, meiner Schule und meinen Freunden, die ich damals dort hatte. Viele von ihnen leben offenbar nicht mehr, habe nie wieder etwas von ihnen gehört. Selbst in unserer afghanischen Community, in der man alle Neuigkeiten und afghanischen Klatsch weltweit erfährt, vermissen viele ihre Lieben, die sie damals im Russen-Krieg aus den Augen verloren haben. Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll. Es ist eine Art Euphorie, die in mir kribbelt – eine undefinierbare Freude, ein Glücksgefühl. Ich werde irgendwie von meinen Wurzeln nach Kabul zurückgezogen. Ich wollte immer wieder zurück, habe deswegen viel geweint, obwohl es mir doch hier in Deutschland so gut geht. Ich möchte helfen, mein Land wieder mit aufzubauen…

Was hälst Du vom ISAF-Einsatz? Ist er richtig? hat Afghanistan nach derzeitigen Plänen nach dem Abzug der internationalen Truppen 2014 wieder eine Chance? 

Ich finde, der ISAF-Einsatz ist richtig. Ohne die internationale Hilfe ist unser Land verloren. Doch einen Truppenabzug ab 2014 halte ich nicht für richtig. Afghanistan ist noch nicht soweit. Ich höre viel darüber aus meiner Heimat. Korruption ist immer noch eines der größten Probleme in unserem Land. Diese völlig auszumerzen, ist natürlich schwer…ich weiß, aber ich bin der Meinung, dass wir noch einige Generationen brauchen werden, bis wir unseren eigenen Weg gehen können und auf eigenen Beinen wieder ein selbstbewußter eigenständiger Staat zu werden. 

Du bist eine selbstbewußte junge Frau mit einer westlichen Prägung. Glaubst Du, Du kannst Dich in Deinen ursprünglichen Kulturkreis wieder richtig eingliedern? Nicht umsonst werdet ihr Auslandsafghanen ja gerne als Hundewäscher bezeichnet… 

Wir werden als Ausländer gesehen, ja. Aber das ist für mich kein Problem. Ich weiß wie ich mich zu verhalten habe, weiß wie ich mich in der Gesellschaft zu bewegen habe. Ich bedecke mein Haar, schminke mich nicht so wie hier in Deutschland und trage eher unauffälligen Schmuck. Wir Hundewäscher sind ja für viele Afghanen die Reichen, die es ins Auslands geschafft haben. Man sucht unsere Nähe, erhofft sich Hilfe. Ich gehe nach Kabul zurück, um meinem Land zu helfen und um anderen hier zu zeigen, dass das kein Problem sein sollte. Täte ich das nicht, wäre ich keine Afghanin mehr. 

Stichwort Frauenrechte. Betreffen sie Dich in Kabul…was denkst Du darüber?

Klar betreffen die mich. Ich möchte mich auch für Frauenrechte in Afghanistan einsetzen, wenn ich eine Möglichkeit dazu habe…ich möchte mich für Menschen einsetzen. Ich würde nie eine Burka tragen wollen, auch, wenn sich viele Frauen mit ihr vor Männerblicken geschützt fühlten. Aber was soll das? Wird sie von einem fremden Mann zu sehr angestarrt, bekommt sie Ärger von ihrem Mann und nicht der Mann, der sie anzüglich beobachtet hat. Das kann doch nicht sein!Ich weiß, wovon ich rede: ich war in Deutschland mit einem Afghanen verheiratet. Auch er begann irgendwann, mich zu schlagen und zu verprügeln. Und das mitten in Deutschland. Wir sind jetzt geschieden – sogar mit der Erlaubnis meines Vaters, der das  Verhalten meines Ex-Mannes verurteilt hat. Prügel für Frauen, sowas darf es auf der ganzen Welt nicht geben!

Könntest Du Dir vorstellen, wieder einen Afghanen zu heiraten, der noch nie im Ausland war?

Nein. Da mache ich mir nichts vor. Die fänden dann nur meinen Pass ganz schick. Aber: man weiß ja nie, was passiert…

Was ist Dein größter Traum?

Wieder in Afghanistan zu leben und frei zu sein. Keinen Angstmomenten begenen zu müssen, auf eine Mine zu treten oder von irgendeinem Idioten entführt zu werden, weil er mit mir Geld erpressen will, um sich ein eigenes besseres Leben zu gestalten. Klar, ich bin ja nicht naiv: Kabul kann hier und da schon ein heissen Pflaster sein. Aber irgendwann müssen wir Afghanen doch auch mal unseren Worten Taten folgen lassen. Ich gehe in meine Heimat, um mitzuhelfen. Dass das auch mit einem Risiko behaftet sein kann, darüber bin ich mir im Klaren. Ich bin eine starke Frau, ich bekomme das schon hin. Also lebe ich meinen Traum…

Du sagst, ich soll Dich in Kabul besuchen kommen. Warum?

Weil Du das andere Afghanistan kennenlernen sollst. Ich möchte es Dir zeigen, damit Du mehr darüber berichten kannst. Die andere Seite eines Landes, über die wir hier in unseren Zeitungen nur über Tod und  Terror berichtet wird. Ich verfolge Deinen Blog schon länger. Du bist mit Leib und Seele dabei, dass spürt man, weil Du Interesse zeigst. Du hast meiner Meinung nach viel verstanden und tust sehr viel für die Aufmerksamkeit  unseres Landes. Dabei möchte ich Dir gerne helfen, wenn Du Dich traust. Im Übrigen hat dein Buch “Kabul, ich komme wieder” viel dazu beigetragen, den Entschluss meiner Rückkehr nach Kabul zu bestärken. Danke dafür.

Valentina, vielen Dank für das Gespräch. Ich werde über Dein Angebot nachdenken. Meine Leser und ich freuen uns auf Deine Berichte aus Kabul.

Valentina vor einer der größten Brotfabriken Kabuls "Silo".

9 Responses to “ Valentina: Warum ich nach Kabul zurückkehre ”

Valentina aus Hanau: “Kabul, ich komme wieder”

19/08/2010

By Boris Barschow

Endlich finde ich Zeit und einen Anlass, mich hier im Blog auch endlich mal wieder den Afghanen zu widmen. Durch einen reinen Zufall habe ich heute eine gebürtige Afghanin wiederentdeckt, die seit 1996 in Deutschland lebt und nun wieder in ihre Heimat nach Kabul zurückgekehrt ist und nun dort für ein afghanisches Unternehmen arbeitet. Die 27-jährige Valentina hat mit ihren Eltern 1989 Kabul noch vor  Kriegsende verlassen . Der Weg ihrer Familie führte über Tadschikistan und die Ukraine nach Deutschland. Bis Sommer diesen Jahres arbeitete sie in der Nähe von Frankfurt am Main in der Marketingbranche und als Automobilfachfrau.

"Kabul, ich komme wieder" - Valentina zurück in ihrer Heimat.

Die Pashtunin ist überglücklich, endlich wieder in ihrer Heimat leben zu dürfen. Vielleicht eine weitere Geschiche für “Kabul, ich komme wieder” . Und jetzt kommt der Hammer: sie hat sich bereit erklärt, uns Afghanistanblog-Lesern einen Einblick in ihr neues Leben zu gestatten. Sie wird uns hin und wieder ihre Eindrücke ihrer neuen Zukunft aus Kabul schildern und möchte für unser Blog schreiben. Am Wochenende wird sie kurz wieder in Deutschland sein und ich werde sie dann interviewen. Ihr Leben und die Flucht ihrer Familie und ihre neuen Lebensperspektiven demnächst hier exklusiv im Afghanistan-Blog. Lassen wir Afghanen über ihr Land reden…


Tags: Afghanistan, ich komme wieder, kabul, Valentina, zurück in die Heimat

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